Harald A. Mieg
Podcast-Host, Sozialwissenschaftler
Ich bin Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Herausgeber von zahlreichen Fachbüchern zu Fragen von Planung und Bildung im Kontext von Städten, Unternehmen und Wissenschaft. Ich habe über hundert Fachartikel in den Bereichen der Geographie, Psychologie, Soziologie, Architektur/Planung, Finanzwirtschaft und Philosophie veröffentlicht.
Kurzvita
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Das Projekt Verantwortung
Als ich 16 Jahre alt wurde, erklärte ich mich selbst für verantwortlich. Dies verband ich mit einer Vermutung, die mein Vorhaben, selbst verantwortlich sein zu wollen, untergraben könnte. Meine Vermutung bzw. Einsicht war: Im strengen Sinne gibt es keine Selbstverantwortung. Verantwortung hat mit Antworten zu tun und damit, dass man anderen gegenüber rechenschaftspflichtig wird. Wenn ich nur für mich selbst verantwortlich wäre, müsste ich keine Rücksicht auf die Folgen meines Verhaltens für andere nehmen.
Ich studierte Mathematik, Psychologie und Philosophie. Ich schloss es mit einer Arbeit über Expertensysteme ab. Es ging um die Frage, ob menschliche Experten durch entsprechende Computer ersetzt werden können. Dabei ergaben sich nicht nur spannende, komplexe kognitionswissenschaftliche Probleme, sondern auch die einfache Frage der Verantwortung: Kann ein Computer Verantwortung für sein Tun übernehmen? Diese Frage steht auch heute noch im Raum.
So startete ich mein wissenschaftliches Projekt zum Thema der Verantwortung. Es begann mit meiner Dissertation. Mein Ausgangspunkt war die Überlegung, dass Experten ja irgendetwas verantwortungsvoll leisten müssen. Mir ging es darum, Verantwortung als Leistung zu verstehen und zu untersuchen. Zudem war damals die Theorie der moralischen Entwicklungsstufen des Menschen von Lawrence Kohlberg en vogue. Demnach wurde die moralische Urteilsfähigkeit durch die jeweils erreichte moralische Stufe bestimmt und begrenzt. Ich hielt diese Theorie für falsch und wollte nachweisen, dass jeder zurechnungsfähige Erwachsene jede dieser moralischen Stufen frei wählen und einnehmen kann.
Hierzu führte ich ein sozialpsychologisches Experiment durch, das mir gelang – abgesehen davon, dass es heute nicht mehr zulässig wäre. Ich definierte die Stufen als Perspektiven (z.B. Wir-Perspektive, Rollenperspektive und eine ethisch verallgemeinerte Perspektive) und konnte zeigen, dass je nach Perspektive in unterschiedlichem Maße Verantwortung geleistet wurde. Meine Dissertation wurde 1993 unter dem Titel „Verantwortung: moralische Motivation und die Bewältigung sozialer Komplexität” veröffentlicht.
Der Schlüssel ist die Abstraktion: Menschen sind zu ungeheuren Abstraktionsleistungen fähig, ohne sich dessen bewusst machen zu müssen. Darauf beruhen all die sozialen Rollen, die wir einnehmen können. Auch Ethik ist eine solche Abstraktionsleistung. Ähnliche Herausforderungen an die Abstraktionsleistung sehen wir beim Leben in Städten, in der Arbeit in großen Unternehmen und, streng genommen, schon beim Umgang mit Geld.
Um diese Abstraktionsleistungen besser verstehen zu können, befasste ich mich nach 1993 mit Stadt- und Regionalentwicklung sowie Fragen der Planung in Städten, Unternehmen und ganz generell. Das Thema Verantwortung ließ mich nicht los. Mir fehlten jedoch Antworten auf einige offene Fragen:
• Was leistet Verantwortungsethik, wie Max Weber sie einst darstellte?
• Wie können wir das Zeit- und Verantwortungsdilemma lösen? Entscheidungen mit sehr großen Zeitspannen und weitreichenden Folgen werden unter Zeitdruck und durch Leute auf den Weg gebracht, die längst wieder verschwunden sind, wenn die Entscheidungen umgesetzt und die Folgen sichtbar werden.
• Wie lässt sich erfassen, ob und wie stark Vorgesetzte die Zeit ihrer Mitarbeiter binden (d.h. invariable Zeitkosten verursachen), und erweist sich Zeitbindung als ein Maß für Verantwortung? Das soll die Forschung von Elliott Jaques fortführen.
• Wie leisten Berufe Verantwortung? Und die Wissenschaft?
Insbesondere der Zusammenhang von Zeit und Verantwortung schien mir wesentlich. Wenn man genügend Zeit hätte, könnte man bessere Entscheidungen treffen und sich die Zusammenarbeit mit vielen anderen sparen, weil man Dinge selber erledigen und auch Zeit hätte, sich das nötige Wissen anzueignen. So funktioniert unsere Welt aber nicht. Um 2003, ich war inzwischen Professor an der ETH Zürich geworden, beschloss ich, ein Buch zu Zeit und Verantwortung herauszugeben, eigentlich gleich eine ganze Reihe. Den Anfang sollte das Thema „Zeit und Verantwortung in Unternehmen” machen. Anschließend wollte ich Zeit und Verantwortung in Politik und Geschichte beleuchten lassen.
Das Nachdenken über Zeit und Verantwortung wurde so etwas wie eine heimliche Geliebte, mit der ich mich jeden Morgen in der Früh traf. Es kostete Zeit, und eigentlich hatte ich andere Verpflichtungen. Und es ging für länger, als anfangs gedacht.
Im Sommer 2010 ereignete sich das Loveparade-Unglück in Duisburg. Dies schien mir ein Paradebeispiel für das Zeit- und Verantwortungs-Dilemma zu sein: Ein Bürgermeister, gestützt von einer Landesregierung, drückt eine Entscheidung durch, für deren unerwartet negative Folgen für die Stadt auf einmal niemand verantwortlich gemacht werden kann. Das Loveparade-Unglück in Duisburg war jedoch kein Lehrbuchbeispiel, sondern ein echter Fall, und wie bei jedem echten Fall gab es Neues zu entdecken. Das Unglück beruhte nämlich auf einem Funktionsausfall der Stadt. Wenn man genau hinsah, fand man ein „Organ“, das sonst völlig unauffällig war, das die Stadt aber offenbar am Funktionieren gehalten hatte: die Mitverantwortung.
Im Prozess, der dem Loveparade-Unglück folgte, fanden sich zur eigenen Überraschung die Sachbearbeiter der Stadt Duisburg und das Vor-Ort-Personal des Veranstaltungsmanagers wieder – allesamt „kleine Angestellte“, die versucht hatten, ihre Arbeit zu erledigen. Die grundsätzlichen und schließlich fatalen Entscheidungen waren jedoch weiter oben gefallen. Der Prozess wurde in der Corona-Zeit eingestellt. Ein Gerichtsvertreter sprach von der Mitverantwortung der Angestellten. Aufgrund der Multikausalität sei die Schuld jedoch gering. Für mich war nun klar: Mein Buch würde sich in der Hauptsache mit Mitverantwortung befassen.
Der Loveparade-Prozess zog sich lange hin. Das war die Zeit, in der ich viel mit meinen heranwachsenden Kindern zu tun hatte. Solche Zeiten vergehen ohnehin zu schnell. Um Verantwortungsethik besser zu verstehen, hielt ich 2014 auf dem Weltkongress der Soziologie einen Vortrag über „Weber’s Ethics of Responsibility as a Framework for Professional Ethics“. Diesen Vortrag habe ich auf nachfolgenden Weltkongressen noch drei Mal in abgewandelter Form gehalten, bis mir klar wurde: Auch bei berufsethischen Fragen geht es um geteilte Verantwortung. Eine berufliche Ausbildung und entsprechende Standards helfen, die Risiken abzufedern, die in der Berufsarbeit übernommen werden müssen.
Dann kam das Jahr 2021 und der Sturm aufs Kapitol. Es gibt wenige Politiker in demokratischen Staaten, die sich so fern von einer Verantwortungsethik bewegen, wie Donald Trump. Zugleich beherrscht er wie kaum ein anderer die ganze Klaviatur der Verantwortungsdynamik: das Gute sich selbst zurechnen, alles Schlechte den anderen; selber unberechenbar bleiben; Erlösungsmythen verbreiten; und Verantwortung auf die Idee reduzieren: die Taten von guten Menschen sind gut, unabhängig von dem, was daraus folgt. Daher würde sich Trump niemals entschuldigen. Verantwortung in der Demokratie bedeutet jedoch geteilte Verantwortung, also Gewaltenteilung. Dies hatte ich in meinem Buch zwar angesprochen, aber bei weitem noch nicht hinreichend ausgeführt. Das hätte nochmals Jahre gedauert. Also musste ich mein Buch beenden und es in die Debatte stellen. Deshalb der Podcast.